Laudatio von Dr. Hans M. Schmidt

Liebe Antje Seemann und Familie, meine sehr verehrten Damen und Herren!

Wie in einem etwas kühnen Balanceakt möchte ich hier heute Mittag in wenigen Sätzen  Zweierlei umreißen: zum einen die künstlerische Arbeit, das handwerkliche und geistig-sensitive Konzept der Preisträgerin Antje Seemann vorstellen und zum andern zu verdeutlichen versuchen, warum der mit dem Maler Douglas Swan verbundene Förderpreis ausgerechnet an sie verliehen wird.

Die Vita der beiden Künstler, soweit nicht ohnehin bekannt, können Sie der Auflistung neben der Bildwand rechts entnehmen.

Antje Seemann ist gleichermaßen Malerin und Zeichnerin wie – im Unterschied zu Swan - auch Graphikerin, die häufig mit landschaftlichen Szenarien an die Öffentlichkeit tritt (ich sage bewusst nicht „Landschaftsbildern“), gemalten Szenarien, atmosphärisch wirkenden landschaftlichen Tiefenräumen und mit als Linoldrucke in graphischer Präzision und Virtuosität ausgeführten Waldstücken.

Was auf den ersten Blick so sehr nach „Natur pur“  aussieht, ist bei näherem Hinsehen Ergebnis eines vielschichtigen Prozesses, bei dem die Fotografie, ob quasi als Vorzeichnung oder als unmittelbares Bildmaterial, keine geringe Rolle spielt. Es sind digitale Aufnahmen aus eigenen Lebensbereichen der Künstlerin, z.B. vom Rand der Lüneburger Heide, aus dem Schwarzwald oder vom Hohen Venn.

Die „Inszenierten Landschaften“, wie die Malerin die kleinen Ölarbeiten über Foto selber nennt, sind anscheinend leicht und locker, meist in vielen Schichten angelegte, doch zugleich großzügig aufgefasste Malspuren im Sinne der „Paysage intime“, wo sich die Malerei stets auf einem schmalen Grad zwischen möglicher Bedeutung und absoluter Eigenwertigkeit, mit einem anderen Wort: in ihrer Autonomie, bewegt. Im Imaginären der Malerei, ganz auf Präsenz und Augenblick gerichtet, ist das anders distanzierende Imaginäre der Fotografie, so könnte man in Gedanken an Roland Barthes sagen, aufgehoben.

Der Prozess des Malens wird zum konstituierenden Prozess der Wahrnehmung: auch der Betrachter hat seine Autonomie.Lebendigkeit und Offenheit des Duktus, die auch dem Zufall Raum lassen, was natürlich besonders für die Aquarelle der Künstlerin gilt, kommen solcher Erfahrung entgegen.

Die formal vielgestaltigen Linolschnitte von Antje Seemann, die allein schon in ihrer handwerklichen Sicherheit verblüffen, (was aber nicht mit der Kunst zu verwechseln ist) zeigen zumal in den bildhaft klaren, durchrhythmisierten „Walstücken“ (mit Titeln wie „Venn 1“ oder „Venn 2“) eine eindringliche Nähe zur Natur, zum individuellen Reichtum der Baum- und Pflanzenformen, zur natura naturans, zu Wachstum und Werden. Dies ist keine nostalgische Wiederbelebung der Holzstichkunst des 19. Jahrhunderts, sondern rekurriert auf die Nüchternheit heutiger Fotografie, die das Werkzeug liefert. So entstehen dann die Bildmontagen analog zur Natur in freier Komposition und Bildbearbeitung, wenn’s sein muss mit verschiedenen Fluchtpunkten und Perspektiven im Bildraum und nicht ohne gewisse Brechungen.

Was uns hier so selbstverständlich und fast banal als Natur begegnet, ist nichts Anderes als ein durch und durch artifizielles Konstrukt. Erst beim zweiten oder dritten Hinsehen offenbart die ach so schöne Natur den künstlerischen Atem der Manipulation und lässt zugleich bewusst werden, dass unser vorprogrammiertes Sehen, in vielen geläufigen Vorurteilen, nur selten die tatsächlichen Konstrukte erspürt und in ihrer Eigenheit erkennt.

Die Kunst von Antje Seemann ist doppelbödig, ist komplex, so selbstverständlich sie auch daher kommt. Die Bandbreite bei den „Waldstücken“, die es so seit 2008 gibt, mag außer Aspekten deutscher Waldromantik (etwa von Altdorfer bis Max Ernst) auch solche heutiger Ökologie - Problematik ansprechen. Das ist jetzt hier nicht zu vertiefen.

Auch ist es nicht möglich, auf die Vielfalt ihres bisherigen Schaffens einzugehen, das aber stets seine authentische Mitte kennt. Da gibt es textile plastische Objekte oder solche in Kunststoff, surreal-poetisch anmutende Installationen in Bauten und landschaftlichen Situationen, unterschiedliche Arbeiten als Kunst im öffentlichen Raum, leuchtende Aquarelle, Stelen als Guckkästen zum spezifischen Erlebnis landschaftlicher „Bühnen-Räume“, eine wunderbare Linolschnittfolge zum Thema „Wasser“ (das „Panta rhei“ scheint zum Kern ihres künstlerischen Tuns zu gehören) und eine neue Folge von Gemälden mit vulkanischen Explosionsszenarien. Das Emotionale steht dem bewusst geführten Sehen nicht im Wege.

Alles das entsteht in ihrem wohl organisierten Atelier in Aachen.

Ihre in hohem Maße reflektierte, ganz und gar aktuelle Kunst schließt trotz einer vordergründig nüchternen Attitüde romantische und surreale Züge keinesfalls aus und lässt bei aller Klarheit des Kalküls auch dem Spielerischen freien Raum.

Zugegeben: die Kunst von Antje Seemann operiert mit der Möglichkeit des Schönen. Daher ist sie vielleicht manchen schon verdächtig, denn man kennt es aus den Medien: Nur eine schlechte Nachricht ist eine gute Nachricht. Aber lassen wir uns nicht beirren: Welt und Leben sind immer komplex, sowohl als auch – wie gute Kunst...

Damit komme ich zu meinem zweiten und letzten Punkt: Warum wird dieser Künstlerin der Douglas Swan - Förderpreis verliehen?

Weil  sie uns mit ihrer eigenen zukunftsträchtigen Dynamik aufgefallen ist und es eine ganze Reihe möglicher Relationen gibt. Oder sagen wir besser: Veträglichkeiten? Denn, wie Adorno zu Recht sagt: Kunstwerke lassen sich nicht vergleichen – wegen ihrer jeweils eigenen Wahrheit. „Aber (so schreibt Adorno) sie wollen einander vernichten.“ Nun derartig radikal wollen wir nicht von den Bezügen zwischen Douglas Swan und Antje Seemann sprechen. Waren doch in der Begründung der Jury zur Preisvergabe einige allgemeine Bezugsmomente zwischen beiden aufgezeigt worden wie das Landschaftlich-Figürliche, die Klarheit und poetische Leichtigkeit, aber auch eine gewisse geheimnishafte Ambivalenz. Einen weiteren gemeinsamen Punkt, der mir sehr wichtig erscheint, erfuhr ich erst beim Gespräch im Atelier von Antje Seemann. Für beide Künstler ist es die Musik, verstehen sie doch beide hervorragend und sensibel ihre malerischen Arbeiten zu modulieren und auf ihre unterschiedliche Weise umzugehen mit Thema und Variation.

Antje Seemann spielte einst Geige und Querflöte und verdankt viel, wie sie sagt, ihrem Flötenlehrer.

Für den diplomierten Musiker und Komponisten Swan blieb die Musik im Zentrum seines Daseins, fast bis zum Ende. Übrigens sind zur Zeit weitere Arbeiten von Douglas Swan in der Bonner Galerie Pudelko zu sehen.

Dass dieser Förderpreis Antje Seemann auf ihrem weiteren Weg beflügeln möge, im Konzert der Künste eine energische und vernehmliche Stimme zu spielen, das wünschen wir ihr von Herzen.

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